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„Jeder kirchliche Vollzug muss diakonisch sein“: Ein Werkstattgespräch

Werkstattgespräch - Markus Offner
Datum:
17. Nov. 2022

An einem Werkstattgespräch – organisiert vom Forum diakonische Pastoral – haben sich knapp 50 engagierte Männer und Frauen aus den verschiedensten Bereichen des Bistums beteiligt. Ziel der Veranstaltung in der Bischöflichen Akademie war es, den Austausch zu drei Themen aus dem Beschluss „Diakonische Verantwortung“ des Synodalkreises zu ermöglichen.

In drei intensiven Workshop-Phasen mit neuer Methodik haben die Teilnehmenden dann heraus gearbeitet, was Ihnen für die diakonische Ausrichtung des Bistums auch zukünftig wichtig ist:

Es bleibt dabei, dass der Mensch im Vordergrund stehen soll. Dafür müssen Kräfte gebündelt werden, damit im Sinne der Option für die Armen auch neue Krisen und Herausforderungen gemeistert werden können. Dafür braucht es Empathie und Professionalität, weil die Menschen um die es geht, das verdient haben. Damit diese Ausrichtung im Blick bleibt, soll die Arbeit offen und transparent, ehrlich und fehlerfreundlich gestaltet werden. Verlässlichkeit, Vernetzung, Multiprofessionalität und auch eine spirituelle Grundhaltung bleiben zentrale Orientierungen für glaubwürdiges und wirksames diakonisches Handeln. Praktische Hinweise auf bestehende und zu entwickelnde Kooperationen, Qualifizierungs- und Vernetzungsmöglichkeiten runden das Bild dieses intensiven und inhaltsstarken Werkstattgesprächs ab, das den Verantwortlichen für die Umsetzung der Beschlüsse des Synodalkreises im „Heute-bei-dir“-Prozess eine Vielzahl von Impulsen und Handlungsorientierungen mit auf den Weg gibt.

Mechtild Jansen, Geschäftsführerin des Diözesanrates der Katholik*innen im Bistum Aachen sprach zum Auftakt der Veranstaltung mit Dr. Thomas Ervens, Leiter der Hauptabteilung Pastoral / Schule Bildung im Bischöflichen Generalvikariat und Prof. Dr. Andreas Wittrahm, Leiter der Abteilung Facharbeit Sozialpolitik Caritas, über ihre Perspektiven:

Wenn Sie hören, jeder kirchliche Vollzug soll diakonisch sein, welcher Felder kommen ihnen als Erstes in den Sinn?

Wittrahm: Ich habe in den 35 Jahren, in denen ich für das Bistum tätig bin, in der Pastoral, der Entwicklung und der Caritas gearbeitet. Meiner Meinung nach sind das immer diakonische Vollzüge gewesen. Im weiten Sinne ist jeder Vollzug, den wir haben und als Christinnen und Christen tun, diakonisch, d.h. er ist am Wohl meines Gegenübers orientiert. Dann ist es zunächst einmal egal, ob es sich dabei um Bildung, Pastoral, Liturgie oder Caritas handelt. Im engen Sinne ist es dann diakonisch, wenn es mit Menschen geschieht, denen in irgendeiner Weise etwas fehlt in ihrem Menschsein, um wirklich gut leben zu können.

Was ist für Sie der wichtigste Satz im Synodalbeschluss?

Ervens: Auch nach mehrmaligem Lesen bin ich immer wieder bei dem Satz hängen geblieben, der auch Titel dieser Veranstaltung ist: ‚Jeder kirchliche Vollzug muss diakonisch sein‘. Und zwar, weil darin alles enthalten ist, um was es heute geht. Wir können kirchliche Vollzüge nicht denken, ohne die Nächsten, den Nächsten im Blick zu haben. Wir können auch keine Liturgie feiern, ohne an die anderen zu denken, sie mit hinein zu nehmen. Alles andere wäre eine Verkürzung dessen, was uns wichtig ist. Das heißt eben auch, dass wir das Diakonische nicht nur an Profis abgeben können, sondern dass es eine Frage der Haltung ist, die jede und jeden in dieser Kirche, egal in welcher Rolle oder Funktion, angehen muss.

Was glauben Sie fehlt am dringendsten, um ein diakonisches Bistum zu werden oder zu bleiben?

Ervens: Ich möchte mich nicht auf eine Diskussion einlassen, die nur danach schaut, was fehlt! Für mich wäre an der Stelle entscheidend, ob wir uns an diesem Satz, der heute im Zentrum steht, messen lassen. Und das hat für mich etwas damit zu tun, was beispielsweise die Pastoralkonstitution ‚Gaudium et spes‘ sehr deutlich gesagt hat: Die Zeichen der Zeit zu erkennen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten. Wenn es uns gelingt, erkennbar zu machen, dass es wirklich um die Zeichen der Zeit und um die Menschen geht und wir dies in Relation setzten können zum Anspruch Jesu und der Nächstenliebe in ihrer ganzen Mehrdimensionalität, mit der wir unterwegs sind - dann können wir ein diakonisches Bistum sein und dies an diakonischen Orten von Kirche leben.

Wittrahm: Dieses Bistum ist zurecht stolz drauf, eigentlich immer schon ein diakonisches Bistum zu sein. Wir haben viele diakonische Traditionen hier; insofern geht es eigentlich vor allem darum, den Reichtum, den wir haben, entsprechend zu wertschätzen und zu würdigen, zu unterfüttern und zu stabilisieren. Wenn wir im Caritasverband schwerpunktmäßig professionell diakonisch tätig sind, ist uns folgendes wichtig: wir sind nicht in einem sozial-ingenieurmäßigen Raum unterwegs, sondern in einem Raum, in dem wir die Menschen als Geschöpfe Gottes wahrnehmen und ihnen entsprechend begegnen wollen. Umgekehrt müssen wir uns darauf verlassen können, dass überall dort, wo die anderen Vollzüge gelebt werden, Menschen gestärkt daraus hervorgehen. Was heißt das konkret? Wir feiern Gottesdienst so, dass er die Menschen stärkt. Wir machen Katechese und Verkündigung so, dass die Menschen damit für ihr Leben gestärkt und unterstützt werden. Wenn das so ist, bin ich sehr zuversichtlich.

Gibt es für sie eine Verbindung von diakonischem und politischem Handeln?

Wittrahm: Ja - wie gesagt - meine Abteilung heißt „Facharbeit und Sozialpolitik“. Und ein wesentlicher Teil unserer Arbeit ist es, auf der Ebene der Landes- und manchmal auch auf der Bundespolitik - immer wieder auch mit den kommunalen Entscheidungsträgern - Rahmenbedingungen zu schaffen. Denn natürlich ist Diakonie einerseits dem Einzelnen gewidmet und muss andererseits dafür eintreten, dass die Schritte zur Vollendung des Gottesreiches auf Erden immer wieder ermöglicht werden. Und zwar von der gesamten Zivilgesellschaft und von der politischen Gesellschaft. Insofern haben wir gleich zwei politische Aufträge, nämlich zum einen den, diese ganz konkrete Lobbyarbeit in der politischen Landschaft zu gestalten und als Kirche immer auch menschenwürdige Verhältnisse einzufordern.

Ervens: Diakonisches Handeln ist politisches Handeln, nicht im parteipolitischen Sinn, sondern um immer wieder zum Anwalt für diejenigen zu werden, die unsere Stimme brauchen. Da nehmen wir in den unterschiedlichen kirchlichen Bereichen wahr, sei es in der Caritas oder sei es eben auch in den politischen Zuständigkeiten und Vollzügen als Bistum.

Über das Forum diakonische Pastoral

Das Forum diakonische Pastoral ist eine Arbeitsgemeinschaft auf diözesaner Ebene von Diözesanrat, der Hauptabteilung Pastoral / Schule / Bildung im Bischöflichen Generalvikariat und dem Caritasverband für das Bistum Aachen. Das Forum lädt regelmäßig zu Themen der diakonischen Pastoral und zum Austausch ein.

Infos zur Projektgruppe

Der Beschluss des Synodalkreises zur diakonischen Verantwortung hatte die Bildung einer Projektgruppe unter der Leitung von Dr. Mark Brülls (Caritas) und Markus Offner (Bistum Aachen) zur Folge. Außerdem arbeiten Burchard Schlömer und Katrin Henneberger aus dem Generalvikariat, Judith Swoboda für den Caritasverband, Anna Dolic als Vertreterin des Diözesanverbänderates, Mechtild Jansen für den Diözesanrat, Johannes Eschweiler und Vertreterinnen und Vertreter aus dem Kita- und Schulbereich mit. Ziel ist es, ein Rahmenkonzept zu erstellen, das es den Akteuren im Bistum ermöglichen soll, ihr diakonisches Profil zu überprüfen, zu entwickeln, sich für Kooperationen zu öffnen und erkennbar zu machen. Die Ergebnisse dieser Projektgruppe sollen perspektivisch immer wieder synodal und von außen kritisch beraten und weiterentwickelt werden.