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Dr. Michael Bredeck über die Herausforderungen kirchlicher Transformation:Wer bin ich und wenn ja, wie viele?

Spätestens mit dem Populär-Philosophen und von den Medien gehypten Richard David Precht stellt sich die Frage nicht nur nach der individuellen Identität, sondern zugleich auch nach dem gesellschaftlichen und politischen Selbstverständnis. Das Hinterfragen der Verortung gilt auch für die Kirche, kirchliche Mitarbeitende und Amtsträger. „Das geistliche Leben ist anfällig“, konstatiert Monsignore Dr. Michael Bredeck. Der Diözesanadministrator des Erzbistums Paderborn beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Herausforderungen kirchlicher Transformation, dem Ende von Herrschaftsbeziehungen und dem Selbstverständnis von Priestern.
Monsignore Dr. Michael Bredeck
Datum:
1. Juni 2023

Monsignore Bredeck, selbst Amtsträger werden nicht müde, in schöner Regelmäßigkeit von einer tiefgreifenden Krise der Kirche zu sprechen. Haben Sie den Glauben an die Relevanz von Kirche verloren?

Nein, sicherlich nicht. Doch wir erleben eine tiefgreifende Erschütterung der Sinn-Dimension. Auf allen Ebenen in der katholischen Kirche – auch bei den Priestern. Wofür wir als Kirche stehen und wozu es uns braucht, steht auf dem gesellschaftlichen Prüfstand.

Was bedeutet das für das Selbstverständnis von Menschen, die seit Jahrzehnten in der Kirche arbeiten?

Jetzt spüren wir, dass wir als eine Art Verein in der Vergangenheit für viele Menschen attraktiv waren, die sich nach Sicherheit, Form und Strukturen in Gemeinschaft sehnen. Veränderung löst bei vielen dieser Menschen Angst und Verunsicherung aus. Das ist auch allzu menschlich. Doch ohne einen Aufbruch und eine konsequente Orientierung an der Lebenswirklichkeit der Menschen, werden wir scheitern.

Sie beschäftigten sich seit Jahren mit dem Thema Führung. Ein Thema, das vor allem in Unternehmen ganz oben auf der Agenda steht. Was macht für Sie gute Führung in Kirche aus?

Zugewandtheit und Empathie. Aber vor allem, dass wir die Stärken von Menschen erkennen, diese richtig einsetzen und zur Entfaltung bringen. Dazu brauchen wir eine Vertrauenskultur, in der sich jeder ohne Angst vor Fehlern oder davor, etwas falsch zu machen, engagieren kann.

Die Volkskirche ist passé. Das Leben in alten Traditionen ist vorbei, der sakrale Bereich tritt in Spannung zum säkularen.Was bedeutet das für das Selbstverständnis von Priestern?

Die Pandemie hat wie ein Katalysator gewirkt, denn auf einmal wurde die sonntägliche Leere greif- und sichtbar. Priester stehen drei- oder viermal am Altar am Wochenende und es kommen nicht mehr als 15 Leute. Das erschüttert, keine Frage. Doch ich vermisse einen realistischen und kreativen Umgang mit der Situation. Trotz der Erschütterung wird alles weiter gemacht. Wo aber gibt es Seelsorge-Spaziergänge, Online-Buchungen für ein Gespräch, Gottesdienste in kleinen Kreisen zuhause? Es gilt, mehr Erfolgserlebnisse in der Seelsorge zu organisieren. Und auch mutiger zu sein, anders anzusetzen.

Es geht um drei Dimensionen: Mensch sein, Christ sein, sein. Welche Talente braucht ein Priester? 

Ein Priester heute und erst recht in Zukunft braucht ähnliche Fähigkeiten wie jemand, der gerne führt. Nicht autoritär, sondern autoritativ. Klugheit, Einfühlungsvermögen, Reflexionsvermögen und auch Freigeistigkeit sind in dieser Gesellschaft von großer Bedeutung…

…dies spricht für starke Persönlichkeiten. Wie leicht können Geistliche an dieser hohen Erwartungshaltung zerbrechen

Die Frage ist mehr als berechtigt. Zwischen Selbstverständnis und Erwartungshaltung herrscht ein großes Spannungsfeld. Auch theologisch. Spannungen, Diskrepanzen und Dilemmata sind allgegenwärtig. Priester müssen ausgestattet mit einer vor-modernen Theologie, in einer modernen Gegenwart funktionieren und nach postmodernen Erwartungen agieren. Das war für mich eine der größten Erkenntnisse in den letzten Jahren, dass diese Spannungen auch starke Personen zerreißen können. Und die bundesweite Seelsorgestudie 2012/2014 hat deutlich gemacht, dass unter den Priestern eine größere Zahl sich kaum als selbstwirksam erlebt und eher ängstlich und als Person schwächer ist.

Ist das geistliche Leben deshalb so anfällig?

Anfällig ist es immer im Kontext von Macht. Seelsorge ist immer auch eine Machtbeziehung. Deshalb ist es absolut notwendig, dass sich Seelsorger und Priester selbst stark reflektieren. Dazu gehört auch, die eigenen menschlichen Bedürfnisse in den Blick zu nehmen und sich zu fragen, woher man seine Anerkennung erfährt. Wo seelsorgliche Beziehungen zur eigenen Bedürfnisbefriedigung gebraucht werden, läuft das in die Irre. Die Gefahr, dass das passieren kann, ist unter Stress und im Kontext eher ängstlicher Personen schon groß.

Beschreibt das Parallelen zum Helfersyndrom?

Nein, es ist eher das persönliche Bedürfnis nach Anerkennung, gepaart mit den Belastbarkeitsfaktoren einer Person. Das bedeutet aber immer auch die erste Stufe einer Schieflage. Deshalb bin ich kein großer Freund davon, Dinge nur rein spirituell zu betrachten, weil das generell anfällig macht für eine ausgeschaltete Selbstreflexion…

…jeder Priester hat doch einen geistlichen Begleiter…

…nicht automatisch, darum muss man sich bemühen. Wie kann Veränderung gelingen, wenn sich alles in einem stark selbstreferenziellen System bewegt? Es ist schon ganz toll, wenn man jemanden hat, der sich zum Beispiel mit der Bibel oder der spirituellen Tradition auskennt. Wir brauchen gute und starke Impulse, die ich dann auch in den Kontext meines Lebens stellen kann. Auch im Sinne einer Seelenhygiene. Ob ich das dann wirklich umsetze, kann dann Thema sein zum Beispiel in Supervision, Coaching oder Reflexionsgruppen. Das gibt es noch zu selten. Ich kann für mich nur sagen: Ich hätte die letzten Jahre nicht so stabil überstanden, wenn ich nicht eine sehr gute Supervision gehabt hätte. Durch eine beeindruckende Frau, die ansonsten nicht für die Kirche arbeitet.“

Zur Person

Monsignore Dr. Michael Bredeck ist seit 2021 Leiter des Bereiches Pastorale Dienste im Erzbischöflichen Generalvikariat Paderborn.

Nach dem Rücktritt von Erzbischof Hans-Josef Becker, der am 1. Oktober 2022 von Papst Franziskus angenommen wurde, wählte das Metropolitankapitel Monsignore Dr. Michael Bredeck zum Diözesanadministrator. Für die Dauer der Sedisvakanz lässt Msgr. Dr. Bredeck sein Amt als Leiter des Bereichs Pastorale Dienste ruhen.