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„Handeln, sehen, urteilen“:Werkstattbericht aus der Innovationswerkstatt in der GdG Burtscheid

Wenn aufbruchbereite Menschen in ihrer Pfarrei ins sichtbare Handeln mit innovativen Projekten kommen wollen, erfordert das eine andere Handlungslogik. Im April 2021 ist ein Netzwerk von zwölf motivierten Menschen aus St. Gregor von Burtscheid mit genau diesem Wunsch gestartet. Begleitet durch die Innovationsplattform probieren sie den aus der Startup-Szene bekannten Ansatz Effectuation aus, mit seinen zwei entscheidenden Fragen: Was kann ich jetzt tun und mit wem kann ich reden? Nach ein paar Monaten sind Projektideen entstanden und teils schon in sichtbarer Umsetzung von Kirchenaysl, Zukunftslaboren für den Schulhof, Kirchenbrot, Weintreff und Hochbeeten. Viele Beteiligte haben Erfahrungen gemacht und aus neuen Fehlern gelernt. Das Ausprobieren der Innovationswerkstatt geht weiter. Erste Erfahrungen und Erkenntnisse lest ihr hier.
Kühlschrank
Datum:
26. Jan. 2022

Die Gemeinschaft der Gemeinden (GdG) Burtscheid ist an vielem reich: freiwillig Engagierten und Beschäftigten, finanziellen Mitteln, kirchlichem Leben an vielen Orten. Starke Räte beginnen weitsichtig einen Strategieprozess für die Zukunft. Dem GdG-Leiter und dem Gemeindereferenten fällt eines auf: „Mit Blick auf die sich wandelnden pastoralen Notwendigkeiten brauchen wir schnelleres Handeln, um Neues kreieren zu können.“ Trotz einleuchtender Strategien fällt es Beteiligten in der GdG schwer, fassbare innovative Projekte zu beginnen. Beide suchen einen alternativen Weg.

Nach einem Kontakt mit der Innovationsplattform sind sie bereit, eine andere Logik des Handelns auszuprobieren. Die folgt vier einfachen Prinzipien:

  1. „Spatz in der Hand“: an den verfügbaren Mitteln orientieren
  2. „leistbarer Verlust“: etwas mal aufs Spiel setzen, was im Notfall verschmerzbar ist
  3. „aus Zitrone Limonade“: Unerwartetes und Zufälle als Hebel zur Entwicklung nutzen
  4. „Patchwork“: aktiv Partnerschaften mit denen, die mitmachen wollen, eingehen

Kirchlich gesprochen geht es darum, den aus der Sozialpastoral bekannten und klassischen Grundsatz der Pastoralentwicklung („sehen, urteilen, handeln“) umzukehren: „handeln, sehen, urteilen“. In der Fachwelt heißt der Ansatz „Effectuation“.

Der GdG-Leiter und der Gemeindereferent aktivieren daraufhin ihre Netzwerke und rufen Menschen zusammen, die Lust haben. Wichtig ist entgegen kirchlicher Gewohnheit: Es wird keine neue Gruppe formiert, sondern ein Netzwerk von Motivierten soll entstehen. Zehn Personen, eine Mischung aus langjährig engagierten, kirchlich sozialisierten mit wenig Kontakt zu Kirche, Jungen und Älteren, folgen dem Ruf.

Im April 2021 starten alle, ganz nach dem Prinzip des leistbaren Verlusts, mit einer gemeinsamen Stunde Innovations-Training. Das soll anstecken, aber nicht zu viel Lebenszeit kosten. Am Anfang steht eine einfache Metapher: Was habt ihr im Kühlschrank, woraus man spontan was kochen kann? Daraus spannt der Referent der Innovationsplattform die Brücke zu den vier Handlungsprinzipien von Effectuation. Hier geht es nicht um kochen nach Rezept, sondern um Ideen für Neues, und zwar aus dem, was da ist. Und mit denen, die jetzt da sind. Und den Horizont bilden allein diese zwei Fragen: Was kann ich jetzt tun und mit wem kann ich reden? Die einen denken nach, die anderen legen los. Erste Ideen werden ausgetauscht von der Förderung Interkultureller Kommunikation, dem kleinsten gemeinsamen Nenner von Kirche bis zu Einsamkeit von Schülerinnen und Schülern und dem Kontakt zu einem Medizinprofessor, der gerne Wein genießt. Und die wichtigste Entdeckung dabei: Dies alles sind mögliche Zutaten für innovative Ausdrucksformen des Kircheseins. Für manche ist schnell klar: Wir wollen an unserer Idee weiterarbeiten und uns in anderen Kostellationen vernetzen.

Als der GdG-Leiter und der Gemeindereferent nach ein paar Wochen nachhören, zeigt sich ein gemischtes Bild in Punkto Zufriedenheit und Zielklarheit:

Manche sind verunsichert oder ratlos: „Sollen wir jetzt wirklich anfangen?“ „Wer gibt uns welchen Auftrag?“ „Es war unverständlich, wofür die Referenten da waren“ „Der theoretische Input schwebte so über der Gruppe, die nicht wusste, ob sie eine Gruppe sein soll oder nicht.“ Manche fangen an. Sie gehen auf andere Menschen zu und entwickeln ihre Ideen weiter. Monatliche Sprechstunden begleiten die Initiativen und Engagierten zwischen Mai und September.

Im Oktober ist noch nichts fertig umgesetzt; aber schnell ist eine Initiative zu Kirchenasyl in St. Johann entstanden und schlüsselfertig. Zusammen mit einer Lehrerin und einer Schulseelsorgerin aus Burtscheid arbeiten Mitarbeiter der Katholischen Studierenden Jugend an dem Prototyp eines tiny*spaces. Andere Ideen sind gereift: Kirchenbrot für Neu-Zugezogene, Weintreff auf den sonnigen Treppen von St. Michael oder Hochbeete mit Jugendlichen auf dem Platz vor Herz Jesu.

Als Innovationsplattform nehmen wir wahr, Handlung ist entstanden und Ideen sind gewachsen. Einige Ideen sind über das Ideenstadium noch nicht hinaus gekommen. Das im April gebildete Netzwerk ist nur punktuell erweitert worden. Teilnehmende spiegeln uns, dass es in in ihrem Alltag und Lebenssituation (noch) keine Strukturen gibt, aus denen heraus sich Projekte anschließen lassen. Während ein Teil den Freiraum sofort nutzen konnte, haben andere nicht den äußeren und inneren Packan gefunden.

Für uns als Innovationsplattform selbst haben wir schon viel gelernt: Sprache und Input in seiner Dichte und Fremdheit anpassen; etwas mehr Rahmen bieten, bis genügend im Kühlschrank entdeckt wird; mehr flexibel und einzeln schnelle Projekte begleiten; Übersetzung und Verortung im „System“ der GdG verstärken. Die völlige Freiheit mit einmaligem Anstoß ist nur für bestimmte Menschen anschlussfähig.

Der Prozess der Innovationswerkstatt ist in vollem Gange. Für die Beteiligten stellen sich weiterhin die Fragen: Was kann ich jetzt tun und mit wem kann ich reden? Es ist klar, irgendwann muss Effectuation auch was zu Tage fördern und in strategische Planung übergehen. Wir sehen mehr im Laufe des Jahres 2022. Bei Interesse zum Austausch von Erfahrungen in diesem Projekt, steht Christoph Urban (Christoph.Urban@bistum-aachen.de,) +49 241 96101-223) gerne zur Verfügung.